Artikel zum Segeltraining

Pädagogik und Segeltraining

aus: Talent und Leistungsförderung 98, Landes-Segler-Verband BW

 

Auch das Leistungstraining junger Nachwuchssegler ist ein pädagogischer Prozess. Wir müssen dafür sorgen, dass dieser auch positiv verläuft.

In einem pädagogischen Prozess steht immer die Entwicklung des Heranwachsenden im Vordergrund.

Im pädagogischen Prozess geht es um die Herausbildung von immer mehr Handlungskompetenzen für die im Alltag auftretenden Anforderungen und Probleme zum Wohl des jungen Menschen in seiner Gesamtheit.

Dabei ist der Leistungssport nur ein Aspekt der persönlichen Leistungsentwicklung, auf den wir allerdings in besonderem Maße einwirken können.

 

Als übergeordnetes Leitziel kann für uns gelten, dass wir dann erfolgreich mit einem jungen Menschen gearbeitet haben, wenn er später als Erwachsener rückblickend, die Zeit im Verein XY positiv beurteilt, er sich gut aufgehoben gefühlt hat, dass es eine schöne Zeit war, dass der Sport vielleicht etwas gegeben hat. Solche Aussagen sollten nicht nur von den erfolgreichen, sondern gerade auch von den erfolglosen (aus leistungssportlicher Sicht) Kindern und Jugendlichen gemacht werden. Ein besonderes Augenmerk gilt aber besonders den Spitzenathleten nach Ende ihrer Karriere. Nicht selten stellen gerade sie ihren hohen Einsatz oftmals nachträglich in Frage.

 

Das Image des Sports in der Gesellschaft wird in der Kindheit geschaffen. Wir Trainer, Übungsleiter, Funktionäre sind für die Akzeptanz des Sports selbst verantwortlich.

 

Aus einer Masse früh zu einer speziellen Sportart oder Disziplin gebrachter Kinder entsteht nicht zwingend der leistungssportlich orientierte Nachwuchs, den wir uns wünschen; im Gegenteil. Quer- und Späteinsteiger sind langfristig gesehen motivierter und treuer und erfolgreicher. Sie sind häufiger intrinsisch motiviert.

 

Je jünger Kinder in eine Sportart einsteigen, besonders, wenn deren Höchstleistungsalter wie im Segeln deutlich jenseits der 20 liegt, desto länger ist die Phase des Durchhaltens bis dorthin, umso größer ist die Gefahr des Drop Outs. Wir verlangen eine enorme Beharrlichkeit von den Kindern. Die Konkurrenz der Sportarten ist immens. In solchen Sportarten sollte die Ausbildung offen, mehrdimensional und mehrperspektivisch sein. Der Basis eines breiten Grundlagentrainings ist ein großer Raum zu geben. Insbesondere stark normierte Sportarten wie LA, Schwimmen oder Turnen haben hier ein besonderes Problem. Das Segeln ist an sich sehr offen, mehrdimensional und mehrperspektivisch, wir sollten uns hüten, durch Engstirnigkeit, Klassenklüngel, Vereinsdünkel und Traineregoismus, verschlossen, einfältig und perspektivlos auf die Kinder zu wirken. Wir sollten freie Elemente, Überraschungseffekte und Spielformen genauso wie andere Sportarten nutzen, um pädagogisch zu wirken.

Zeit verlieren um Zeit zu gewinnen (Rousseau).

Je jünger Kinder sind, desto mehr profitieren sie vom positiven Transfer des Bewegungsrepertoires einer Sportart auf eine andere (Gleichgewicht, 49er, Surfer).

 

Wir Erwachsene haben Mühe, uns in die Welt der Kinder und Jugendlichen zu versetzen. Junge Trainer und Übungsleiter haben hier große Vorteile.

Erwachsene denken in Defiziten: er kann dies noch nicht, bei ihr ist jene Bewegung noch nicht perfekt; Jens ist noch zu klein, Angelika noch zu leicht. Er kennt die Regeln noch nicht usw. Wir sehen Kinder und Jugendliche als Provisorium an und sagen ihnen dies auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Die Kindheit ist aber kein Provisorium, die Kinder leben in ihrer Gegenwart, die Nachdenklichkeit über die Zukunft ist das Privileg der Erwachsenenwelt. Die Kinder bestimmen mit ihren Theorien ihr eigenes Handeln. Man kann nur appellieren: hinschauen und zuhören.

Kinder haben Ängste (Märchen), Kinder registrieren und empfinden stärker.

Wir handeln kindgerecht, wenn wir ihr motorisches Verhalten akzeptieren, ihre kindlichen Lösungen annehmen und ernstnehmen. Kinder üben und trainieren nicht für ihr selbstorganisiertes Spiel, denn sie leben in der Gegenwart und nicht in oder für die Zukunft.

Das Trainieren für ein zukünftiges Ziel müssen sie im pädagogischen Prozess erst behutsam lernen. Statt zu trainieren wollen Kinder das Spiel verändern, wir sollten viel mehr darauf eingehen.

Kästner: Nur wer erwachsen wird und dennoch Kind bleibt, ist ein Mensch.

 

Wettkämpfe: Das Wettkampfsystem sollte für die jüngeren Sportler neu strukturiert werden. Beim Segeln betreiben die Jüngsten denselben komplexen Wettkampf wie ein Olympiateilnehmer, sogar in größeren Feldern, teilweise sogar mit mehr Wettfahrten pro Tag. Vereinfachte, kindgemäße Regeln finden keine Anwendung. Wettkämpfe für Kinder sollten Feste sein. Kreativität ist gefragt. Spiel- und Sportfeste bei denen das Fest und nicht der Konkurrenzgedanke im Vordergrund stehen wären eine Alternative. Häufig handeln Kampfrichter unpädagogisch (Schiedsgerichtsverhandlungen laufen selten kindgemäß, aber fast immer juristisch einwandfrei ab). Auch in den Wettkämpfen spiegelt sich das nach Defiziten suchende Denken und Handeln der Erwachsenen wider. Dauernd wird der Vergleich zu den Spitzensportlern hergestellt.

  Kinder sollten aber versagen dürfen, Kampfrichter müssen auch ein Auge zukneifen können. Der positive Umgang mit Sieg und Niederlage stärkt das Selbstbewusstsein und sorgt für Wettkampfstabilität. Ein Kind, das nie gelernt hat zu verlieren, wird mit steigender Wettkampfschwierigkeit die Angst zu verlieren immer stärker aufbauen, ohne damit umgehen zu können. Auch das Verlieren muss gelernt und trainiert werden, denn es gehört zum Leistungssport untrennbar dazu. Also müssen wir Fehler in Kauf nehmen.

Einen Fehler zu machen ist grundsätzlich etwas Positives, denn daraus kann man lernen, wer von sich aus nie Fehler macht, braucht nicht zu lernen oder zu üben. Gerade wir Trainer sollten unsere Einstellung gegenüber Fehlern unserer Aktiven überdenken. Die Fehler zur positiven Reflexion zu benutzen ist unsere Aufgabe. Ohne Fehler sind wir unnötig.

Offene Wettkampfformen und lockere Regeln bereiten das Feld für den lockeren Umgang mit Fehlern. Sie machen auch eine spezielle Talentsuche weitgehend unnötig, solange man als Trainer diese offenen Wettkämpf mit fachlichem Auge verfolgt, wird man die Talente ebenso sicher erkennen, wie mit sog. sachgerechten Talenttests.

 

Bewegungsleben: Ein Bewegungsleben der Kinder in ihrer Freizeit besteht heute kaum noch. Zu sehr sind heute körperlich passive, mediale Freizeitaktivitäten wie Gameboy, PC, Fernsehen, Video usw. zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Frage ist, ob die Vereine die Defizite an Bewegungserfahrungen der Kinder auffangen können. Auf jeden Fall müssen wir Angebote für Bewegungserlebnisse machen und Freude am Sich-Bewegen und Sporttreiben vermitteln. Bewegungsfertigkeiten entstehen durch das Lösen von Bewegungsaufgaben, durch Erproben und durch Fehlermachen. Wir müssen Freiräume zur Selbsterfahrung schaffen. Je jünger Sportler sind, desto mehr muss aufgabenbezogenes Lehren und Lernen im Vordergrund stehen. Das sind keine Umwege, sondern motivierende, intensive und erfolgreiche Auseinandersetzungen mit Lerngegenständen. Der Weg ist das Ziel. Aufgabenschwierigkeiten sind so zu wählen, dass sie bei mittlerer Anstrengung lösbar sind. Der Lernende steht im Mittelpunkt des Lernprozesses. Wir müssen das natürliche, angeborene Leistungsstreben der Kinder nützen, lassen wir sie experimentieren.

Heute neigt man dazu, das Lernen zu verschulen. Lernen muss programmierbar sein, das ist falsch. Lernen ist ein individueller Prozess, in den jeder seine eigenen Erfahrungen, Motivationen, Fähigkeiten und Kenntnisse einbringt; hier gibt es kein vorgefertigtes pädagogisches Schema, nach dem man einen programmierten Unterricht abhalten kann. Lernen muss selbstgesteuert (unter helfender Anleitung und Anregung) bleiben. Lernen im Sport hat ein dialogisches Prinzip, sportliche Techniken sind Antworten auf Fragen und Probleme der Sportart. Wir müssen uns vor einer Vermethodisierung um der Methoden willen hüten (Video nur einzusetzen, weil ich es lange nicht mehr benutzt habe oder weil der Trainer XY es auch immer benutzt).

Gerade bei langsam Lernenden oder wenn Lern- oder Leistungsplateaus auftreten, sollten wir statt viele Informationen zu geben und den Lernenden taubzureden die Aufgabenstellung geschickt variieren. Wenn wir ein Problem nicht lösen können, dann müssen wir das Problem ändern. Die schulische Vorbildung der Kinder ist bei der Wahl der Themen bzw. bei deren Vermittlung unbedingt zu beachten. (Winkel, %, englische Ausdrücke)

 

Strukturmerkmale des Segelns:

In diesem Zusammenhang ist von besonderem Interesse, sich die Strukturmerkmale einer Sportart klarzumachen. Also wie sind die Anforderungen an Kondition, Koordination, Psyche. Wie erfolgt die Leistungsmessung? Ist die Leistungsmessung normiert, existiert beispielsweise ein absoluter Weltrekord, wie es im Schwimmen oder in der Leichtathletik normal ist oder erfolgt der Leistungsvergleich relativ. Dann ist immer der aktuelle Gegner das Maß, es gibt keine seit Jahren bestehenden Weltrekorde und keine in Metern oder Sekunden ausgedrückten Olympianormen. All diese Dinge sind pädagogisch relevant und haben Folgen für methodisch-didaktische Entscheidungen, vor allem aber auch für das pädagogische Vorgehen.

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